Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat als zuständige Bundesbehörde nach Artikel 36 des Tierschutzgesetzes vom 16. Dezember 2005 (SR 455; TSchG) den Auftrag, jährlich eine Statistik zu veröffentlichen, welche sämtliche Tierversuche erfasst und die notwendigen Angaben enthält, um eine Beurteilung der Anwendung der Tierschutzgesetzgebung zu ermöglichen.  

Bewilligungsverfahren

Als Tierversuch gemäss Artikel 3 TSchG gilt jede Massnahme, bei der lebende Tiere mit dem Ziel verwendet werden eine wissenschaftliche Annahme zu prüfen, die Wirkung einer bestimmten Massnahme am Tier festzustellen, einen Stoff zu prüfen, Zellen, Organe oder Körperflüssigkeiten zu gewinnen oder zu prüfen (ausser wenn dies im Rahmen der landwirtschaftlichen Produktion, der diagnostischen oder kurativen Tätigkeit am Tier oder für den Nachweis des Gesundheitsstatus von Tierpopulationen erfolgt), artfremde Organismen zu erhalten oder zu vermehren, oder der Lehre sowie der Aus- und Weiterbildung zu dienen.
 
In der Schweiz ist für sämtliche Eingriffe und Handlungen an Tieren zu Versuchszwecken bei den kantonalen Behörden ein Gesuch einzureichen (vgl. Art. 18 Abs. 1 TSchG ). Tierversuche, die den Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen, sein Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigen oder seine Würde in anderer Weise missachten können, sind auf das unerlässliche Mass zu beschränken ( Art. 17 TSchG ). Bewilligungen für Versuche werden wissenschaftlichen Leitern von Instituten und Laboratorien erteilt, wenn ihre Institution über die entsprechenden Infrastrukturen für eine fachgerechte Versuchsdurchführung verfügt, insbesondere geeignete Einrichtungen für die Haltung der betreffenden Tiere ( Art. 128 Tierschutzverordnung ; SR 455.1; TSchV). Die Tierversuche müssen unter der Leitung einer erfahrenen Fachperson durchgeführt werden ( Art. 132 TSchV ). Schmerzen, Leiden oder Schäden dürfen einem Tier nur zugefügt oder es darf nur in Angst versetzt werden, soweit dies für den verfolgten Zweck unvermeidlich ist ( Art. 20 Abs. 1 TSchG ). Die Tiere sind sorgfältig an die Versuchsbedingungen zu gewöhnen, und ihr Befinden muss regelmässig überprüft werden. Falls ein Versuch mehr als geringfügige Schmerzen zur Folge hat, darf er nur unter lokaler oder allgemeiner Betäubung und mit anschliessender ausreichender Schmerzbekämpfung durchgeführt werden. Tiere, die erheblich belastet wurden, dürfen nicht in weiteren Versuchen eingesetzt werden. Dauern bei einem Tier nach einem Eingriff oder einer Massnahme die Schmerzen, Leiden, Schäden oder die Angst an, so muss es getötet werden ( Art. 135 TSchV ). Tierversuche sind schriftlich aufzuzeichnen ( Art. 144 TSchV ). Die kantonalen Behörden überwachen die Versuchstierhaltung und die Durchführung der Tierversuche. Sie erteilen die Bewilligungen auf Antrag einer unabhängigen Tierversuchskommission, in der die Tierschutzorganisationen angemessen vertreten sind ( Art. 34 TSchG ).
 
Der Vollzug des Gesetzes obliegt den Kantonen ( Art. 32 Abs. 2 TSchG ), das Eidgenössische Departement des Innern hat die Oberaufsicht inne ( Art. 40 TSchG ). Gegen Verfügungen betreffend Tierversuchsbewilligungen hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen als zuständige Bundesbehörde das Beschwerderecht ( Art. 25 Abs. 1 TSchG ). 

 

Inhalt der Jahresstatistik über Tierversuche in der Schweiz

In der vorliegenden Statistik sind alle Wirbeltiere (Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien und Fische) sowie Cephalopoden (Kopffüsser) und Reptantia (Panzerkrebse) aufgeführt, welche sich zu irgendeinem Zeitpunkt zwischen 1. Januar und 31. Dezember 2015 in einem Tierversuch befanden.
Darin enthalten sind seit 2012 die vorgeburtlichen Entwicklungsstadien bei Säugetieren, Vögeln und Kriechtieren im letzten Drittel der Entwicklungszeit (vor der Geburt oder dem Schlüpfen) sowie die Larven bei Fischen und Lurchen sobald sie frei Futter aufnehmen.
In der Tierversuchsstatistik sind diese Zahlen nicht separat aufgeführt, sondern in der Gesamtzahl für die jeweilige Tierart enthalten. Für 2015 wurden erfasst:

Foeten von Ratten, Mäusen und Hühnern: 10'085 [2014: 9459 ]
Larven von Lurchen und Fischen: 4'183 [2014: 6606]

Im Gegensatz zur Statistik für den Europarat wurden die Tiere, die schon im Vorjahr im Versuch waren, erneut erfasst. Bei Tieren, die 2015 in verschiedenen Tierversuchen eingesetzt wurden, wird jeder Versuchseinsatz gezählt.

Die Bewilligungen für Tierversuche werden im Register <Bewilligungen> behandelt. Im Register <Statistik> ist die Entwicklung im Zeitverlauf von 1983 - 2015 grafisch dargestellt. Ausserdem werden die Tierarten nach Verwendungszweck, nach Schweregrad der Belastung sowie der Tierverbrauch nach Kantonen dargestellt. Im Register < Versuchstierhaltung > werden die 2013 erstmals erhobenen Daten über die in bewilligten Versuchstierhaltungen geborenen und zu Versuchszwecken importierten Tiere dargestellt. Zusätzlich können im Register <Erweiterte Statistik> interaktiv weitere Abfragen gemacht werden (nach Versuchszweck, Schweregrad, Tierarten, Kanton...).

In Versuchstierhaltungen geborene und importierte Tiere

In der Statistik über die in Versuchstierhaltung geborenen oder importierten Versuchstiere, die im Jahr 2013 erstmals erstellt wurde, werden die Tiere ausgewiesen, die im Kontrolljahr neu in einer bewilligten Versuchstierhaltung registriert wurden. Sie werden nur im ersten Jahr gezählt, auch wenn sie länger als ein Jahr in der Versuchstierhaltung bleiben.

Hunde, Katzen oder Primaten werden meist über mehrere Jahre in einer Versuchstierhaltung gepflegt und oft in langdauernden Versuchsreihen eingesetzt. Deshalb machen die in der Tierversuchsstatistik ausgewiesenen Tiere ein Mehrfaches der Tierzahl in der Versuchstierhaltungs-Statistik aus. Im Gegensatz dazu werden in der Versuchstierhaltungs-Statistik rund fünfmal mehr gentechnisch veränderte Mäuse gezählt als in der Tierversuchsstatistik. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nicht alle gezüchteten Tiere die gewünschten Merkmale aufweisen um im Versuch eingesetzt zu werden, z.B. das richtige Geschlecht oder in gentechnisch veränderten Zuchtlinien den gewünschten Genotyp.

Europaratsabkommen über Versuchstiere

Das Europäische Übereinkommen vom 18. März 1986 zum Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Wirbeltiere sieht vor, dass die Vertragsparteien ausführliche statistische Daten zu Tierversuchen nach genauer Vorlage erheben. In der Schweiz ist das Übereinkommen seit dem 1. Juli 1994 in Kraft.
Die Tabellen der vorliegenden Jahresstatistik entsprechen weitgehend diesen Vorlagen des Europarates. Aus verschiedenen Gründen gibt es jedoch gewisse Unterschiede:
 
Zum einen stimmen die Definitionen, was ein Tierversuch ist, zwischen dem Tierschutzgesetz und dem Europaratsabkommen nicht ganz überein. Entsprechend werden in den Tabellen für den Europarat nur Tierversuche gezählt, die dem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder sein Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigen können (d.h. jene gemäss Artikel 17 des Tierschutzgesetzes). 
 
Zum anderen enthalten die Tabellen des Europarates nur Tiere, die im Kalenderjahr zum ersten Mal in einem Tierversuch eingesetzt wurden. Im Gegensatz dazu sind für die vorliegende Jahresstatistik alle Tiere gezählt worden, die zu irgendeinem Zeitpunkt des Kalenderjahres in einem Tierversuch waren, ungeachtet dessen, ob sie schon im Vorjahr eingesetzt und gezählt worden waren oder nicht. Dies ist der Grund, weshalb die Zahlen in den Europarats-Tabellen einige Prozent tiefer liegen (für die Primaten, Katzen, die meisten Nutztiere sowie Amphibien ist der Unterschied grösser, da diese Tierarten häufig über mehr als ein Jahr in wenig belastenden Tierversuchen eingesetzt werden).
 
Ein dritter Unterschied betrifft die Wirbellosen: Während sich das Europaratsabkommen nur mit Wirbeltieren befasst, schliesst die Schweizerische Gesetzgebung auch gewisse Wirbellose mit ein (Kopffüsser und Panzerkrebse). 

 

Belastung in Tierversuchen: Schweregrade

Seit 1995 wird die Belastung der Tiere in den Versuchen erfasst und ausgewertet. Zur Methodik der Einteilung und Erfassung dieser Schweregrade sei auf die Tierversuchsverordnung ( Art. 24 ; SR 455.163; TVV ) und die Informationsschriften des Bundesamtes verwiesen (BVET 800.116-1.04 für die prospektive Einteilung der Versuche in Schweregrade, BVET 800.116-1.05 für die retrospektive Einteilung). Im Schweregrad 0 (SG0) sind Eingriffe und Handlungen eingeteilt, die den Tieren keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, sie nicht in Angst versetzen und ihr Allgemeinbefinden nicht beeinträchtigen. SG1 bedeutet eine leichte, SG2 eine mittlere und SG3 eine schwere Belastung der Tiere mit schweren Schmerzen, andauerndem Leiden, schwerer Angst oder schwerer Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens.
 
Als typische Beispiele für SG0-Versuche können Verhaltensbeobachtungen angeführt werden sowie Blutentnahmen bei grösseren Tieren (Hund, Kuh) oder tierschutzkonformes Töten von Tieren zur Entnahme von Organen ohne vorangehende Behandlung. Zu dieser Kategorie sind oft die Kontrolltiere zu zählen, die in vielen Versuchen keine belastende Behandlung erfahren.
 

SG1-Versuche können oberflächliche operative Eingriffe wie das Setzen eines Dauerkatheters in periphere Blutgefässe oder eine Hautbiopsie beinhalten. Ebenfalls in diese Kategorie gehört das Halten von Tieren unter leichtgradig eingeschränkten Bedingungen, wie Einzelhaltung eines Hundes während weniger Tage.

Eine SG2-Belastung kann durch die Summe verschiedener Eingriffe wie wiederholte Blutentnahme unter Kurznarkose zustande kommen oder chirurgische Eingriffe unter Allgemeinanaesthesie betreffen, die postoperative Schmerzen, Leiden oder Störungen des Allgemeinenbefindens hervorrufen. Im Bereich Toxikologie werden anhaltende, mittelgradige Reaktionen erwartet (z.B. Tests nach den OECD-Richtlinien 404, 405, 406). Ebenfalls einer mittelgradigen Belastung entsprechen Infektionsversuche mit deutlichen Symptomen, gewisse Ischaemiemodelle sowie Hirnlaesionen, die zu messbaren Verhaltensänderungen, nicht aber zu eigentlichen funktionellen Ausfällen führen.

SG3 umfasst Operationen mit Thoraxeröffnung oder andere Eingriffe mit massiven postoperativen Beschwerden, Konvulsionsversuche ohne vollständigen Bewusstseinsverlust oder mit Wiedererlangen des Bewusstseins nach der Konvulsion, Endotoxinschock am wachen Tier, Wirksamkeitsversuche im Rahmen der Prüfung von Vakzinen. Ebenfalls schwerbelastend sind jene toxikologischen Modelle, die Letalität erwarten lassen.

Die Schweregrade werden einerseits prospektiv und andererseits retrospektiv zugeteilt. Prospektiv, d.h. vor Versuchsbeginn, wird einem Versuch als Ganzes der höchste zu erwartende Schweregrad zugeteilt. Nach Versuchsabschluss, also retrospektiv, wird die tatsächliche Belastung jedes einzelnen Tieres festgestellt. Diese liegt für einen Teil der Tiere tiefer als der prospektive Schweregrad (z.B. Kontrollgruppe), kann aber in Einzelfällen, beispielsweise bei fehlerhafter Behandlung eines Tieres, auch höher liegen. Im Bereich der Toxikologie hängt der retrospektive Schweregrad einerseits von der Giftigkeit und Applikationsart der geprüften Substanz ab und andererseits von der Dosierung der verschiedenen Tiergruppen.

Generell sagt die potentielle Belastung der Testanordnungen (prospektiver Schweregrad) nur bedingt etwas über die aktuelle Belastung (retrospektiver Schweregrad) aus. Je nach Schädlichkeit der geprüften Substanzen sind die Auswirkungen für die Tiere gravierend oder nicht. Als Beispiel sei die Auswertung für den Draize-Test erwähnt (Augenirritation nach OECD-Richtlinie 405; prospektiv SG2): 82% SG0/SG1, 17% SG2 und 1% SG3.

 

 
 
 

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